Jermuk: Sowjetromantik, Urbex & Konflikte

Die Natur hat Jermuk über die Grenzen Armeniens hinaus bekannt gemacht. Rings um die Stadt entspringen natürliche Mineralquellen. Daher entstanden Mitte des 20. Jahrhunderts die ersten Hotels und Sanatorien. Bereits zu Sowjetzeiten wurde Jermuk ein beliebter Urlaubsort.

 

Spaziert man heute durch die Kleinstadt findet man überall Sowjetromantik. Seien es die in typischer Sowjetarchitektur aussehenden Sanatorien oder beispielsweise der alte Kulturpalast im Zentrum. Viele der alten Sanatorien sind noch heute in Betrieb. Alle anderen bieten eine schöne Möglichkeit auf einzigartige Lost-Places-Motive, wie zum Beispiel die großen sowjetischen Filmprojektoren.

Der frühere Kulturpalast von Jermuk

Der Kulturpapalast ist das bekannteste Wahrzeichen der Stadt. Der Bau des Gebäudes begann 1969 und wurde erst 1986 fertiggestellt. Vermutlich wurde das Gebäude Opfer des Zerfalls der Sowjetunion und verfiel deswegen. Der im Stil des klassischen sowjetischen Modernismus gebaute  Palast diente nur ein paar Jahre als Sport- und Kulturzentrum. Mittlerweile verfällt es rapide und rostet vor sich hin.

 

Das Betreten des Gebäudes ist ein Kinderspiel – es gibt nichts zu überklettern, die Scheiben aus den bodentiefen Fenstern sind weg, Türen gibt es auch keine mehr. Das erste, was meine Aufmerksamkeit erregt und meinen Mund offen stehen lässt ist das große zentrale Atrium des Gebäudes. An den Wänden der nächsthöheren Ebene befanden sich früher dekorative Überreste von Büsten von sowjetischen Schriftstellern und anderen Künstlern. Auf zwei Jahre alten Fotos sind einige davon noch vorhanden, aber bröckelten bereits stark. Mittlerweile ist gar keine mehr übrig.

 

Im Kulturpalast gab es ein Schwimmbad, eine Bibliothek, ein Theater/Vortragssaal mit 800 Plätzen und ein Café. Zumindest das Schwimmbad und der Saal sind noch zu erkennen. Ein weiteres Highlight des Kulturpalastes ist eine Sowjet-Era Skulptur außen am Gebäude, die für mich Ähnlichkeiten der Mutterland-Statuen besitzt, die es überall in den ehemaligen Sowjetstaaten gibt.

 

Bauzeit: 1969-1986

Architekt: Martin Mikayelyan

An der Grenze zum Konfliktherd Bergkarabach

In mehreren Ländern der ehemaligen Sowjetunion kam es nach der Unabhängigkeit zu Konflikten. Im Fall Armenien geht es um die Region Bergkarabach, auch Nagorno-Karabach (russisch) oder Artsakh (armenisch) genannt. In diesem ethno-territorialen Konflikt stehen sich Armenien und Aserbaidschan gegenüber. In der Region, die völkerrechtlich zu Aserbaidschan gehört, leben mehrheitlich ethnische Armenier.

 

Die Konflikte zwischen beiden Ländern um diese Region führten 1992 zu einem Krieg, der 1994 mit einem Waffenstillstand und einer gewissen Autonomie für Bergkarabach endete. Der Krieg forderte auf beiden Seiten mehrere tausende Todesopfer und führte zu Flucht und Vertreibung. In Folge dessen entstand die de facto unabhängige Republik Bergkarabach, die international - ähnlich wie Transnistrien - nicht als eigenständiger Staat anerkannt wird. Nach Jahren des Stillstandes in diesem Konflikt startete Aserbaidschan 2020 eine großangelegte Militäroffensive. In diese griff Russland ein und frohr diesen Konflikt abermals ein. 2023 kam es allerdings erneut zu einer aserbaidschanischen Offensive. Kurz darauf erklärte Aserbaidschan den militärischen Sieg über Armenien im Bergkarabach-Konflikt. Es kam zu einer Massenflucht der armenischen Bevölkerung.

 

Die Kleinstadt Jermuk ist nicht weit von diesem Krisengebiet entfernt. Teilweise mussten Touristen aus dem Gebiet evakuiert werden, Bewohner brachten sich in Sicherheit. Mittlerweile sind die Einwohner wieder zurückgekehrt und die gröbsten Schäden wieder beseitigt. Was aber fehlt sind Touristen. Als wir im Ort spazieren gingen sahen wir Fahrzeuge der UN-Beobachter, die augenscheinlich dort stationiert wurden.

 

In Armenien betrauert man teilweise öffentlich die gefallenen Soldaten. In armenischen Städten wurden großformatige Porträts gefallener Soldaten an Wände gemalt, die an die Soldaten erinnern, die während des Konflikts mit Aserbaidschan getötet wurden.

 

 

Ein Wandgemälde in Jerewan an einer Mauer des Victory Parks mit den kombinierten Flaggen Armeniens (links) und des umstrittenen Gebiets Bergkarabach mit der Aufschrift "Der armenische Geist ist unzerbrechlich".

 

Dieses Bild basiert auf einem berühmten Foto, das zu Beginn des Konflikts 2020 von einem jungen Artilleristen namens Albert Hovhannisian aufgenommen wurde. Dieser junge Mensch wurde getötet, kurz nach der Verbreitung über die sozialen Medien.